Nähen

5 grundlegende Nähtipps einer Schneiderin

2005, auf einem Küchentisch liegen trapezförmige Zeitungspapier-Ausschnitte. Eine alte Pfaff Nähmaschine, die dringend Öl bräuchte, wartet auf ihren Einsatz.

So begann also meine Nähkarriere.

Die Ausschnitte aus dem Zeitungspapier sollten ein Schnittmuster für einen Rock darstellen. Nun ja, dazu muss man sagen, dass Trapeze vielleicht nicht die beste Figur als Rock machen. Aber woher sollte ich das denn auch wissen ohne es einfach auszuprobieren?

Ich wusste nicht, wie man anfängt selbst Kleidung zu nähen. Welchen Workflow ich mir dabei aneignen sollte, um mit einem fertigen und wunderschönen DIY Kleidungsstück da raus zu kommen. Was man braucht, um eine solide Basis zu gründen, die manchmal Zeit, aber vor allem Nerven spart.

Vielleicht hast du schon mitbekommen, dass ich eine Art „Näh-Nerd“ bin. Ich mag es durchdacht. Aber auch wer eher frei und spontan an die Dinge rangeht, kann hier noch was mitnehmen, versprochen!

Also, hier sind meine fünf generellen Ratschläge, die jeder beim Nähen beherzigen sollte.

Bügeln

Bügeln ist mit Abstand die unterschätzteste, aber wichtigste Arbeit beim Nähen.

Das muss man erstmal wirken lassen, immerhin hassen es die meisten.

Man beginnt mit Bügeln und man endet mit Bügeln. Und dazwischen bügelt man eigentlich auch dauernd.

Bügeln hilft dabei, akurat zu Nähen. Absteppungen werden doch mal schief, wenn man die Kante vorher nicht ausbügelt. Es sorgt dafür, dass das angefangene Nähstück nicht schon vor dem ersten Tragen aussieht wie zusammengeknüllt. Und es rettet dein Leben, falls du doch aus Versehen mal den Bund einen Zentimeter zu kurz zugeschnitten hast.

Fun Fact: Auch ich hasse es, fertige Sachen zu bügeln. Aber beim Nähen ist mein Bügeleisen immer an. Im Laufe der Zeit musste ich deswegen auch schon ein paar beerdigen…

Work Flow

Also, jetzt mal unter uns, manche Schnittmuster näht man doch so gerne, weil man genau weiß, wann man was zu tun hat.

Die meisten Kleidungsstücke einer Kategorie haben den gleichen oder einen ähnlichen Nähablauf. Wenn du beispielsweise einmal verstanden hast in welcher Reihenfolge du die Teile einer Jacke zusammennähen musst, kannst du oft auch viele weitere Jacken so nähen.

Klar kann man einige Arbeitsschritte tauschen, zum Beispiel bereite ich gerne die Ärmel einer Jacke vor, arbeite dann den Kragen und nähe danach die fertigen Ärmel ein. Aber im Großen und Ganzen gibt es doch immer einen logischen Aufbau. Im Fall meiner Jacke müsste erst der Rumpf fertig sein, damit man überhaupt Kragen und Ärmel einnähen kann.

Der aber wohl einfachste Plan mit den wichtigsten Abläufen wäre aber wohl:

Zuschnitt

Einrichten (der zugeschnittenen Teile und des Arbeitsplatzes)

Nähen (und das, je nach Kleidungsstück, auch nach einem festen Ablauf)

In dieser Reihenfolge. Ist doch logisch? Sag das nochmal, wenn du mit dem Nähen halbfertig bist und dann merkst, dass du doch vorher kein Bock hattest dieses eine Teil nochmal aus Einlage zuzuschneiden. Bäm… Jetzt gehts los und du suchst dieses letzte Restchen Vlieseline in deinem riesigen Stofflager. Und eigentlich überlegst du schon, ob es überhaupt so wichtig ist, dass dieses eine Teil wirklich verstärkt wird.

Diese Störungen bringen dein Projekt und deine Motivation ins Wanken oder komplett zum Erliegen. Im schlimmsten Fall liegt die fast fertige Hose in der Ecke und wird nie beendet.

Heften & Markieren

Noch etwas, dass man nicht überspringen sollte, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Normalerweise haben wichtige Punkte wie vordere Mitte, hintere Mitte und Ärmeleinsatzzeichen Markierungen, die auf dem Schnittmuster eingezeichnet sind und die man mit einem Knips mit der Schere auf den Stoff überträgt.

Taschen, Tunnel, andere Markierungen und Umbrüche z.B. beim Reverskragen sollten auch von links mit Kreide markiert oder geheftet werden. Auch kannst du mit Kopierpapier arbeiten und wichtige Linien durchrädeln. So spart man sich später das Rummessen an nicht mehr glatt liegenden Teilen. Außerdem kann man auf den ersten Blick sehen, ob beim Nähen was schiefgelaufen ist.

Aber Heften ist nicht nur Markieren. Heften kann noch mehr!

Taschen werden zugeheftet, damit sie gerade und parallel gearbeitet werden können. Vorübergehende Nähte, wie beim Ärmel einsetzen sind auch sehr praktisch. So kann man schnell sehen, ob der Ärmel gut im Armloch sitzt ohne gleich eine richtige Naht auftrennen zu müssen. Mit Stecknadeln ist das so akkurat nämlich gar nicht möglich.

Probeteil

Nein, ich will euch nicht verarschen mit dem ganzen arbeitsaufwendigen Kram hier… ich weiß, es ist wesentlich zeitintensiver.

Aber ich finde, wenn man sich selbst oder einer anderen Person etwas näht, dabei so viel Zeit investiert, dann sollte es auch passen.

Es ist doch nichts schlimmer als das Kleid im Schrank, an dem man so lange saß und sich vorgestellt hat wie schön es doch ausshen wird. Das aus dem teuren Stoff gemacht wurde, der schon lange im Regal lag und für etwas ganz besonderes aufgehoben wurde. Und dieses Kleid hängt dann im Schrank, weil es doch etwas zu eng ist oder die Taille auf einmal unter der Brust saß oder oder oder…

Klar, bei einem weiten Pulli aus Sweat oder Jersey kann man sich ein Probeteil schonmal sparen, wenn man weiß, dass man keine außergewöhnlichen Maßabweichungen hat. Aber bei allem anderen, bei dem ihr euch nicht sicher seit, macht bitte einfach ein Probeteil.

Ein neues Schnittmuster, sehr enge Kleidung, ein Schnittmuster für Webware, dass ihr aus Jersey fertigen wollt, da schrillen bei mir die Probeteil-Alarmglocken!

Ich habe ein Problem mit Hosen. Es ist schwierig sie anzupassen, weil mein Hintern und meine Beine anscheinend „sehr viel anders“ sind als die der Normperson, die der Schnittmacher in seinem Kopf und seiner Größentabelle hat. Das stört mich nicht, das sollte niemanden stören und schon gar nicht jemanden, der näht. Wir können uns das alles nämlich so machen, wie es uns passt!

Weshalb ich das jetzt erzähle? Ich habe mir einen Zweiteiler genäht. Mit Hose logischerweise. Und habe vier Probeteile dafür gemacht. 4!! Ich war kurz vorm Verzweifeln, hab mich aber herausgefordert gefühlt und es letztlich auch sehr gut lösen können. Dieser Zweiteiler ist der Hammer. Ich werde oft darauf angesprochen, wenn ich ihn trage und ich glaube, dass liegt auch ein Stück weit daran, dass ich stolz auf ihn und auf mich bin.

Fokus

Viele von uns Nähen ja, um sich zu entspannen. Dabei sollte man eigentlich schon entspannt sein um zu Nähen. Oder zumindest in eine Art „Näh-Groove“ verfallen.

Ich höre ja auch sehr gerne Musik oder Hörbücher beim Nähen, aber es gibt echt Punkte, an denen ich das ausstellen muss. Ich ertrage es einfach nicht mehr. Es ist wie beim rückwärts Einparken, man macht dabei das Radio leiser.

Nähen erfordert manchmal einfach eine hohe Konzentration. Und wenn man die nicht hat, weil man im Kopf woanders ist oder schon 12 Stunden auf den Beinen ist, dann passieren Fehler. Richtig dumme Fehler… solche, die einen dann richtig wütend machen, die das ganze Teil versauen können und die einfach kein Bock mehr auf Nähen machen. Und das wäre einfach schade.

Nähen kann so vieles sein und sicher auch beruhigend. Aber wenn man schon merkt, das heute nicht der Tag ist, dann macht man vielleicht alles einen Gang langsamer. Von Zeitnot möchte ich hier erst gar nicht anfangen, da passieren noch schlimmere Dinge.

Tja, viele Dinge, die Zeit kosten. Aber ich möchte, dass ihr mit tollen, neuen, gut sitzenden und durchdachten Sachen da rausgeht. Sachen, die unverwechselbar sind. Und das nicht nur, weil die Nähte schief sind!

Wer, wie ich, einfach gerne strukturiert arbeitet, kam glaub ich voll auf seine Kosten. Alle anderen mögen vielleicht das ein oder andere mal ausprobieren.

Welche Herausforderung stellt sich dir denn so im Nähalltag? Könntest du die Tipps einbauen? Lass es mich gerne wissen, vielleicht hab ich ja auch was vergessen oder sollte irgendetwas unbedingt ausprobieren (außer ohne Schnittmuster nähen!).

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